Archiv: Mai 2010

Mi. 26. Mai

Ich komme auf die gegenwärtige, durchaus kritische Situation in unserer FDP zu sprechen. Ich hatte über Monate gehofft, dass die komplizierten Bedingungen einerseits und die verbalen Angriffe andererseits den Zusammenhalt in der Fraktion und auch die Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner fördern könnten. Inzwischen sind mit den Äußerungen von Führungskräften der FDP, wie Herrmann-Otto Solms und Frank Schäffler, und ihrem Abstimmungsverhalten bei den entscheidenden Fragen zum Euro-Rettungsschirm und der Griechenlandhilfe erhebliche Differenzen zum Ausdruck gekommen. Gerade die Tatsache, dass sich zwei Finanzexperten aus Gründen des politischen Gewissens von der FDP abseilen, verunsichert mich. Dazu kommen Meinungsäußerungen des Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle „Wir haben verstanden“. Es stellt sich die Frage, ob wirklich alle das gleiche verstanden haben? Äußerungen von Wolfgang Gerhardt, Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle lassen Differenzen nicht nur bei einem aktuellen Thema, sondern grundlegende differierende Positionen erkennen.
Dazu passt gut, was Wolfgang Schäuble in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 23. Mai äußert, dass die FDP nach ihrem Wahlerfolg, den sie auch auf Kosten der Union erzielt habe, selbst geschaffene Erwartungen habe erfüllen müssen. „Und dann sind Dinge vereinbart worden, die politisch nicht ganz leicht zu vermitteln waren“, meint Schäuble.
Dies ist die Erkenntnis und Position nicht nur des Bundesfinanzministers vor Beginn der Haushaltsberatungen. Was mich vor diesem Hintergrund besonders bewegt, ist die Erarbeitung eines Konzeptes zur Neuorganisation der Kommunalfinanzen. Ich recherchiere zurzeit die Positionen der Vereinigung Liberaler Kommunalpolitiker, des Deutschen Städtetages, des “Verbund-Netz-Gas” und anderer Verbände. Eine Debatte zu diesem Thema haben wir im Plenum auf Antrag der SPD-Fraktion bereits geführt. Für unsere Fraktion haben der Vorsitzende des Finanzausschusses und finanzpolitische Sprecher Dr. Volker Wissing und das Mitglied des Finanzausschusses Dr. Birgit Reinemund Stellung bezogen. Wir haben - sozusagen - einen ersten Einblick in die Argumente der Opposition bekommen und zumindest an diesem Tag als Koalition eine gemeinsame Linie vertreten, ohne uns jedoch festgelegt zu haben. Mehrfach fiel der Satz: „Es gibt kein Denkverbot“.
Ich bin in diese Kommission unter Leitung des Bundesfinanzministers berufen worden, nicht nur wegen meiner Erfahrungen als OB, sondern auch als Mitglied des Deutschen Städtetages, und ich weiß um die seit Jahrzehnten verhärteten Fronten. Vor diesem Hintergrund wird jeder verstehen, dass die Reform der Kommunalfinanzen eine ausgesprochen schwierige Aufgabe wird, zumal das Ergebnis auch noch kostenneutral sein soll.

Mi. 26. Mai 2010

Anlässlich der Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Demokratie – 20 Jahre freie Wahlen in Jena“ werden wir berechtigter Weise mit Dank und Anerkennung geehrt werden. Wir, das sind die damals in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien und die aus ihren Reihen stammenden Vertreter - Oberbürgermeister, Bürgermeister und Dezernenten. Die Betonung liegt auf “wir”, denn alle haben sich gleichermaßen bemüht, die neuen Bedingungen der wieder gewonnenen Freiheit dazu zu nutzen, Demokratie zu lernen und im Interesse der Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger sich nicht nur kurzfristig, sondern mit dem Blick auf die nächsten Jahre in den Dienst der Sache zu stellen. Und dass das eine gute Basis für die nun vor uns liegenden 20 Jahre ist, ist um so erfreulicher, weil die Stadt Jena heute spürbar nicht nur in Thüringen sondern darüber hinaus eine positive Rolle im Konzert der Städte spielt. Aus der Hoffnungsträgerin und dem Leuchtturm der 90er Jahre ist längst ein stabiler Faktor nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Lebensqualität und Demokratieverständnis geworden.

20. Mai

Nun werden die bevorstehenden Tage der Sitzungswoche geprägt sein durch die Vorbereitung auf die Entscheidung im Plenum über das Gesetz zur Euro-Stabilisierung. Das belastet alle Abgeordneten und insoweit ist die Atmosphäre durchaus angespannt und nicht so optimistisch wie zu anderen Zeiten. Dazu trägt natürlich auch das Wahlergebnis von NRW bei.
Ich persönlich habe in den letzten Tagen wichtige Gespräche mit Leitern wissenschaftlicher Einrichtungen wie der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Agrar- und Veterinär-Akademie in dem mir so gut bekannten Dummerstorf geführt. Ich werde in den nächsten Wochen mit einem ausgewählten Personenkreis Kontakt aufnehmen, um deren Meinung zum „Wissenschaftsfreiheitsgesetz“ einzuholen. Dieses Gesetzesvorhaben ist Bestandteil des Koalitionsvertrages und es ist in unserem Interesse, dass wir es nun dem Deutschen Bundestag zur Beschlussfassung zuführen. Dazu möchte ich aber im Gegenstromprinzip die Meinungen der Wissenschaftler auf dem Gebiet der Grundlagenforschung für Life Sciences einholen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.

13. - 14. Mai 2010 Zagreb

Was die Veranstaltung in Zagreb angeht, so haben mir diese 24 Stunden gezeigt, wie groß die Hoffnungen der Republik Kroatien auf einen Beitritt zur EU sind. Gegenstand meiner Ausführungen waren unsere Erfahrungen bei der Umgestaltung der Verwaltung, der Wirtschaftsförderung und der kommunalen Gebietsreform. Vor dem Hintergrund der aktuellen Turbulenzen auf den Finanzmärkten habe ich aber die Hoffnungen etwas gedämpft, was die Erweiterung des vereinigten Europa durch weitere Beitrittsländer betrifft. Freilich sind wir aus der Sicht unserer südosteuropäischen Nachbarn ein reiches Land mit einem beneidenswerten Lebensstandard, und den Freunden der liberalen Partei ist kaum das Problem der Verschuldung unserer Bürger zu vermitteln.

8. Mai 2010

kahlaDie Veranstaltung mit Vertretern von Familien und Angehörigen ehemaliger Zwangsarbeiter sowie mit Schülern aus ihren Herkunftsländern Italien, Belgien und Slowenien haben mir deutlich gemacht, dass wir in Jena in dieser Hinsicht bisher wenig initiativ gewesen sind. Zweifellos waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auch in der Jenaer Wirtschaft und Industrie beschäftigt. Eine Aufarbeitung dieser Menschenrechtsverletzungen hat bislang nicht stattgefunden. Ich werde meiner Fraktion im Stadtrat Jena empfehlen, diesbezüglich Kontakt mit dem Landkreis Saale-Holzland aufzunehmen und deren Erfahrungen zu nutzen.

7. Mai 2010

Aus der Retrospektive werden die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Turbulenzen in Griechenland einerseits und des Euro aus globaler Sicht andererseits mit weniger Aufgeregtheit kommentiert. In beiden Fällen fühle ich mich durch Bundesinnenminister de Maizière und durch Bundesfinanzminister Schäuble gut, aber zweifelsohne nicht allumfassend informiert. In beiden Fällen bleiben offene Fragen und dennoch werde ich beiden Gesetzen zustimmen. Aufgabe der Regierung ist es in solchen hochdramatischen Situationen, ein Optimum für die Bundesrepublik Deutschland, für den Euro und für Europa herauszuholen. Nach meinem Eindruck sind die Bemühungen nicht erfolglos geblieben. Eine Sicherheit für das Gelingen gibt es nicht, aber eine Minimierung der Gefahrenquellen.
Zwei andere politische Ereignisse haben mich von diesem Desaster etwas abgelenkt. Da war zunächst die Gedenkveranstaltung für ehemalige Zwangsarbeiter bei der Remag AG im Leubengrund bei Kahla. Da war außerdem ein kommunalpolitischer Kongress in Zagreb, bei dem ich vor den höchsten Repräsentanten Kroatiens einen Vortrag zu kommunalpolitischen Themen (mit einer Power-Point-Präsentation) gehalten habe.

Mittwoch 05.05.2010

Wo waren die klugen Berater zum Thema Griechenland in den vergangenen Jahren?
Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages stehen diesbezüglich vor einer großen Herausforderung und einer unbefriedigenden Lösung. Es gibt nach Ansicht aller „Experten“ keine Alternative zur Soforthilfe für Griechenland und dazu, sie mit unseren Stimmen auf den Weg zu bringen. Nichts zu tun würde den absoluten Crash provozieren. Die Wirkung der Soforthilfe ist aber ohne Garantie.
Wir sind nicht untätig oder gelähmt und versuchen durch zusätzliche Auflagen und Festlegungen, nach Möglichkeit das Beste für den Euro und damit auch für unseren Lebensstandard zu tun. Vorwürfe an die Experten einschließlich der Politik zu dem zögerlichen Verhalten in den letzten Jahren sich zweifellos berechtigt, führen aber nicht zur Haftung der Verursacher.